Zwischen Belastung und Gesundheit

Freitag 04. Juli 2014, Maracana – Rio de Janeiro.

Um 13:13 Uhr Ortszeit erzielt Mats Hummels per Kopf das 1:0 im Viertelfinalspiel um die Weltmeisterschaft gegen Frankreich. Deutschland sollte später am 13.07. das Turnier gewinnen und zum vierten Mal Weltmeister werden. Doch während halb Deutschland den Führungstreffer bejubelt sitze ich im Auto und höre zumindest im Radio mit.
Ich bin auf dem Weg zum Abiball. Perfekter Abend sollte man meinen. Aber ich hänge schon in den Seilen, bevor die Veranstaltung überhaupt losgeht.
Das Thermometer bei 28°, ich im Anzug. Soweit so normal. Doch anders als meine Mitschüler hatte ich gemeint vor der Veranstaltung noch etwas erledigen zu müssen.
Erst vor ein paar Wochen hatte ich mit dem Laufen angefangen. Bisher bestand mein sportlicher Alltag nur aus Fußballtraining und zweimal die Woche Fitnessstudio – Dienst nach Vorschrift. Mit dem Laufen aber entwickelte ich meinen ersten wirklichen Individualsport, bei dem ich auf eigene Verantwortung trainierte. Und das hieß damals einfach Vollgas zu geben.
So lief ich auch an dem Tag Vollgas. Weil nicht viel Zeit war, mein Dickkopf aber unbedingt noch ein Training reindrücken wollte. Es war zu heiß, ich hatte kein Wasser dabei, Ernährung war damals ein Witz für mich, Pacing oder Einteilung ein Fremdwort. Hitze beachten? Nicht notwendig.
Die Folge? Absolute Zerstörung in Kopf und Körper. Leiden über den kompletten Abend, der eigentlich echt schön hätte werden können.

Macht man das so? “Nein, ganz sicher nicht du Dummkopf.” Das hätte mir damals schon jemand sagen sollen.
Heute sage ich mir genau das selber, während ich auf meinen Trainingsplan schaue. Gerade eben sitze ich bei 38° und buchstäblich dem heißesten Sommer aller Zeiten in meiner Wohnung und halte die Füße still. Obwohl das Ganze jetzt fast genau zwölf Jahre her ist habe ich kein Déjà-vu, denn in dieser Zeit haben sich einige Dinge geändert.
Zum einen sind die Deutschen aktuell weder Weltklasse, noch hat sich bei dieser WM eine Fußballeuphorie im Land entwickelt, wie es damals der Fall war.
Zum anderen habe ich, auch wenn sie mir offensichtlich noch hier und da in meinen Texten fehlt, zumindest in der Art und Weise wie ich Training plane und durchführe, Struktur gefunden. Dazu gehört, dass ein Plan noch so gut sein kann, wenn der Sommer mal wieder zuschlägt, dann lasse ich ihn morgens im Kühlschrank liegen.

Aber nochmal zurück zum Sommer 2014.

Das Abitur hatte ich also bestanden. Wie es weiter gehen sollte war aber absolut unklar.
Nach einigem Hin und Her landete ich irgendwann bei der Therapie.
Heute bin ich sehr dankbar auf Anhieb den richtigen Weg im Beruf eingeschlagen zu haben. Knapp sieben Jahre später standen zwei Ausbildungen, ein Studium und diverse Zusatzqualifikationen im Bereich Sport und Therapie.

Gerade in der Ausbildung lernte ich hinzuhören wie mein eigener Körper funktioniert, nicht nur nachzuschlagen, was die tollen Bücher über uns Menschen sagen.
So veränderte sich während dieser Zeit mein Verhältnis zum Sport grundsätzlich.
Dem Fußball hatte ich während der Ausbildung bereits immer mehr den Rücken gekehrt. Nach über 15 Jahren Mannschaftssport hatte ich dann endgültig genug.

Auf keinen angewiesen sein, aber auch selbst die volle Verantwortung tragen.
Deshalb liebe ich den Individualsport und begab mich auch auf diesen Weg.

Der erste Marathon war dann 2023 fällig.
Ohne große Methodik, aber mit neun Jahren “Lauferfahrung” (wenn man das so nennen kann), funktionierte das so einigermaßen. Spaß gemacht hat es nicht. Ich hatte keine Ahnung was ich zu dem Zeitpunkt leisten konnte und bin daher auch nur auf Verdacht einer Wunschzeit hinterhergelaufen.
Wie meistens war der Wunsch zu der Zeit allerdings stärker als meine Beine.

Der Witz an der Sache ist, dass ein Großteil der notwendigen Methodik in meinen Grundausbildungen vermittelt wurde. Kannst du dir vorstellen etwas über mehrere Jahre zu lernen und dann unfähig zu sein, es auf dich selbst anzuwenden? Genau das habe ich gemacht. Als wäre ich trotz Adleraugen mit Augenbinde unterwegs (oder vielleicht gerade deswegen?).

Die Konsequenz in den folgenden Jahren:
Bei vier meiner ersten fünf Marathons kam ich mit Krämpfen und gerade so im Ziel an. Zu wenig getrunken, zu wenig Kohlenhydrate, zu schnell angelaufen, zu warm angezogen, zu viel trainiert und so weiter. Ich machte viele Fehler, doch zumindest nie denselben zweimal.

Glänzende Medaillen stehen nicht immer für Glanzleistungen

10km, Marathon und viele schmerzhafte Momente.

An der Stelle sollte jetzt “Der Durchbruch” kommen – wäre ganz nett zu lesen.
Aber bei mir war das eher eine Kollision. Lange hielt ich den Weg, bei dem ich meine Leidenschaft verfolgte und meinen Berufsweg getrennt. Irgendwann erkannte ich, dass sie das nie so wirklich waren.

Um diesen Sport so zu betreiben, dass Nachhaltigkeit, Gesundheit und Spaß im Vordergrund stehen, musste ich das, was ich über meinen eigenen Körper, Trainingslehre und Bewegung sowieso schon wusste, auch auf mich anwenden. Ich nahm mir Zeit um den Laufsport wirklich zu verstehen und so folgte 2023 der Sprung in die Selbständigkeit. Von außen sollte man meinen, dass hier die wunderbare Entwicklung abgeschlossen wäre – war sie nicht.

Bei meinen ersten Marathons nahm ich mir am Vorabend meiner Wettkämpfe viel Zeit, um mich möglichst gut zu motivieren. Ich visualisierte den Moment, bei dem es anfängt so richtig weh zu tun und legte mir mentale Werkzeuge zurecht, um dann noch möglichst lange durchzuhalten.

Laufen bedeutet nicht, deinen Körper optimal auszuquetschen und so lange wie möglich durchzuhalten. Zähne zusammenbeißen gehört dazu, aber ein guter Läufer bringt sich nicht bei jedem Wettkampf dazu, jegliche Lebensentscheidungen in Frage stellen zu müssen.

Theoretisch verstand ich das Stück für Stück, aber bis ich es verinnerlicht hatte brauchte es ein paar Jahre.

Der Groschen fällt

Im September 2025 lief ich in Oslo meinen fünften Marathon, ging (mal wieder) durchs Feuer und scheiterte glorreich an meiner eigenen Ambition. Zu schnell angelaufen, die Signale nicht gelesen, dickköpfig weitergemacht.

Die Folge: Krämpfe, halber Kreislaufkollaps und gerade so im Ziel ankommen. Das war der absolute Tiefpunkt und ich kann mich nicht erinnern jemals körperlich so platt gewesen zu sein.

Danach war die Luft vorerst raus.

Vier Wochen später trat ich trotzdem bei meinem ersten Ultra-Marathon über knapp 50km an. Zum ersten Mal allerdings ohne jegliche Ambition oder Zielzeit.
Mit dabei war meine Freundin, die ich gleichzeitig bis zu diesem Zeitpunkt gecoacht hatte.

Wir starteten gemeinsam, ohne Zielzeit und “mentale Vorbereitung”. Als ich dann ab Kilometer 35 von ihr nur noch die Hinterräder sah und sie davon marschierte, um Zweite bei den Frauen zu werden, war ich zum ersten Mal nicht enttäuscht von meiner eigenen Leistung. Ich freute mich, dass sie unter meiner Anleitung so eine riesen Leistung bringen konnte. Außerdem stand mein Lauf für sich. Er war nicht gut oder schlecht, weil ich ein Ziel erreichte oder verpasst hatte.
Er war großartig, weil Laufen einfach großartig ist.


Verzerrte Vorstellungen

Vielleicht hast du dir auch schonmal eingeredet, dass Laufen nichts für dich ist. Oder du erkennst dich in meiner Geschichte wieder, weil auch du jemand bist, der bisher immer zu viel wollte. Beides ist vollkommen normal.
Wir denken und verhalten uns immer extremer. Das passiert auch im Umgang mit Gesundheit.
In meinem beruflichen Alltag sehe ich immer wieder die selben zwei Muster. Kaum jemand lässt sich nicht einem der beiden Pole zuordnen.

In einem anderen Post auf meinem Newsletter habe ich bereits zwei schöne Schubladen geschustert und die beiden als Horst und Gisela bezeichnet.

Die einen glauben Gesundheit entsteht durch möglichst wenig Bewegung. Die anderen denken möglichst viel Belastung ist der Schlüssel zum Erfolg. Beide irren sich.

Pluspol, Die Übertreiber, Gisela

oder auch mein ‘Vergangenheits-Ich’, motivierte Sportler,…
Wild loslaufen, sich kopfüber ins Training stürzen, lieber zu viel statt zu wenig. Für sie ist der Sport teilweise ein Mittel zum Zweck. Manchmal (nicht immer) laufen sie vor etwas davon, oder der Sport hilft ihnen dabei die Stimmen im Kopf zum Schweigen zu bringen. Das geht auch mal so weit, dass man von einer Sucht sprechen kann.

Minuspol, Die Untertreiber, Horst

ein Großteil der Menschen mit einem modernen Lebensstil
Sie sind stark in der Überzahl. Wenig Bewegung, wenig Beweglichkeit, zu schwache Muskulatur, keine Freude an Bewegung. Gesundheitliche Probleme sind unweigerlich die Folge.

In meinen Augen sind beide Gruppen irgendwo falsch abgebogen. Aber falsch abgebogen bedeutet nicht verloren gegangen. Vor etwas davon rennen, bedeutet nicht, dass du in die falsche Richtung läufst.

Von Kind auf ein Läufer

Bewegung ist Teil eines gesunden Lebens. Das wird uns in die Wiege gelegt.
Was machen denn die Kids, sobald sie alt genug dafür sind? Sie rennen durch die Gegend. Und gerade zu der Zeit passiert etwas Magisches: Sie laufen um des Laufens wegen und sie lieben es.

Ich sehe kein Kind vor mir, dass kein Lächeln im Gesicht hat, wenn es durch die Gegend flitzt. Neben der unbändigen Freude an Bewegung beherrschen sie noch etwas Weiteres: ein gesundes Maß.
Schonmal von Übertraining bei einem Kleinkind gehört? Oder von Eltern die ihr ein- bis zweijähriges Kind zur Bewegung animieren müssen? Nein, ich auch nicht.

Ein waches und gesundes Kind bewegt sich so lange, bis andere Prioritäten übernehmen. Genau das ist es, was mich motiviert.


“Und du machst das wirklich, weil es dir Spaß macht?”

Für mich ist Laufen nicht nur ein Hobby um Social-Media zu füttern oder eine Methode um die ‘midlife-crisis’ zu bekämpfen. Sich ein Ziel setzen – mit Disziplin darauf hinarbeiten – der Moment der Belohnung nach Monaten harter Arbeit. So fühlt sich für mich ein erfülltes Leben an.

Dabei noch etwas für die Gesundheit tun? Unschlagbarer Deal. ✅

Denn Laufen ist Prävention.
Mal um eine Ziellinie zu überqueren, aber genau so um möglichst lange Freude am Leben zu haben und am Leben zu bleiben.

Wenn wir unser Leben gesund und nachhaltig verbringen wollen, dann brauchen die Übertreiber Regulation und Struktur, die Untertreiber mehr Animation und Motivation.
Beides ist möglich, beidem habe ich mich verschrieben.


An dieser Stelle könnte ich aufzählen wie oft ich verletzt war, wie ich dazu lernte und stärker zurückkam.
Viel spannender finde ich aber, wie sich die eigene Arbeit auf andere auswirkt.
Genau darüber schreibe ich auf meinem Newsletter und in diesem Blog.

Ich betreue Menschen, die genau da stehen, wo ich vor zwölf Jahren stand.
Manche wollen ein paar Kilometer schmerzfrei laufen oder haben spezielle Gesundheitsziele, andere unterstütze ich bei der Vorbereitung auf Marathons, Triathlons und andere Wettkämpfe.
Was alle verbindet, ist nicht dasselbe Ziel, sondern die gleiche Herausforderung.

“Wie schaffe ich es mit meinem Körper zu arbeiten, statt gegen ihn?”

Morgens an der Behandlungsbank, nachmittags hier.

Dein Körper ist kein Gegner, der besiegt werden muss

Er ist ein Partner, dessen Sprache du verstehen musst, damit ihr wieder gemeinsam im selben Boot sitzen könnt.
Solange du ihn wie einen Gegner behandelst, wird er dich ausbremsen und aufhalten, statt dir dabei zu helfen sicher und gesund ins Ziel zu kommen.

Das muss gelernt werden. Genau so, wie ich es jahrelang gelernt habe.

Damit du nicht wie ich erst zahlreiche schmerzhafte Erfahrungen und verschiedene Ausbildungen absolvieren musst, teile ich hier mein Wissen und meine Erkenntnisse.

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